1917: Kanzlersturz. Hindenburg erpresst den Kaiser
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Der Kanzler von Bethmann Hollweg strebte 1916 einen Verständigungsfrieden an und wollte den uneingeschränkten U-Boot-Krieg verhindern. Hindenburg und Ludendorff, die seit August 1916 die Oberste Heeresleitung (OHL) bildeten, verfolgten jedoch weiterhin einen Kriegskurs und intrigierten gegen Bethmann Hollweg, obwohl der Kaiser dies missbilligte. Hindenburg setzte alles daran, den Kanzler zu stürzen. Schließlich erpresste er den Kaiser, indem er ihn vor die Wahl stellte: „Er oder ich.“ Theobald von Bethmann Hollweg, Reichskanzler seit 1909, begann Ende 1914, kurz nach der Ernennung General Erich von Falkenhayn zum Chef der Obersten Heeresleitung, gegen diesen zu opponieren. Sein Ziel war es, Falkenhayn abzulösen. Im Zuge dieses Machtkampfes glaubte Reichskanzler Bethmann Hollweg in Hindenburg einen Bündnispartner für sein wichtiges Ziel gefunden zu haben: Bethmann Hollweg wollte einen Verständigungsfrieden erreichen und damit auf den uneingeschränkten U-Boot-Krieg verzichten können. Hindenburg will Verständigungsfrieden verhindern Als nach dem Sturz von Falkenhayn im August 1916 der Kaiser Hindenburg und Ludendorff als neue Chefs der OHL berief, zeigten diese nach nur wenigen Monaten im Amt, dass sie keineswegs der Linie des Reichskanzlers folgen wollten – Bethmann Hollweg hatte sich in Hindenburg und Ludendorff getäuscht. Schon zum Jahreswechsel 1916/1917 hatten Hindenburg und Ludendorff gegen Bethmann Hollweg intrigiert, um ihren Kriegskurs inklusive des uneingeschränkten U-Boot-Krieges durchzusetzen, einen Verständigungsfrieden sowie eine Reform Preußens zu verhindern. Dies ging sogar so weit, dass der Chefs des Geheimen Zivilkabinetts von Valentini und danach der Kaiser gegen diese Intrige vorgehen musste. Am 11. Januar 1917 hielt von Valentini nach der Besprechung mit Hindenburg und Ludendorff fest, dass er es begrüßen würde „wenn die Heeresleitung sich entschließen könnte, dem Kanzler … mit Vertrauen zu begegnen.“[1] Als Reaktion hielt er fest: „Sofort erklärte Ludendorff, daß sie das nicht könnten. Das Vertrauen, daß sie früher dem Kanzler entgegengebracht hätten, sei erschüttert worden … Sie seien nicht einmal mehr von seiner persönlichen Ehrlichkeit überzeugt.“[2] Kaiser hält Hindenburgs Vorgehen für „ungehörig“ Hindenburg und Ludendorff ließen sich von dem Versuch des Kanzlersturzes nicht abbringen. Der Kommandant des kaiserlichen Hauptquartiers, von Plessen, hielt in seinem Tagebuch am 01. Februar 1917 nach einer Sitzung mit dem Kaiser fest: „Beim Vortrag ergeht S[eine].M[ajestät]. sich über die Agitation gegen den Kanzler und schildert das Ungehörige einer solchen.“[3] Trotz des Unmuts des Kaisers ließ insbesondere Hindenburg nicht locker. Er bedrängte nicht nur wiederholt den Kaiser, sondern übermittelte sogar vertrauliche Dokumente an industrielle Unterstützer seiner Intrige, welche in der sogenannten „Adlon-Versammlung“ ebenfalls konspirierten. Dazu wieder von Plessen am 28. Februar 1917 in seinem Tagebuch: „S[eine].M[ajestät]. sehr aufgebracht über eine Adlon-Versammlung, in welcher die Kanzlerstürzer sich zu ihren Plänen versammelt haben.“[4] Hindenburg gibt vertrauliche Informationen weiter Auch dem Kaiser war bewusst, dass Hindenburg die Hauptperson in dieser Intrige war. Lyncker, der Chef des Militärkabinetts von Kaiser Wilhelm, informierte von Plessen. Letzterer hielt fest: „Lyncker sagte mir, dass Hindenburg bei der Untersuchung der Angelegenheit der Adlon-Konferenz in gewisser Weise kompromittiert sei, als ein in dieser Angelegenheit von Bethmann an ihn – ganz vertraulich geschriebener Brief von Hindenburg an das Haupt der Adlon-Gesellschaft, Herrn Duisberg, weitergegeben worden sei.“[5] Als alles nichts half, griff Hindenburg zum letzten Mittel, dazu Prof. Dr. Wolfram Pyta 2025 im Interview zum Hindenburg-Film: „1917 ist Hindenburgs Ansehen so unantastbar, dass er dieses Ansehen einsetzt, um den Kaiser zu nötigen, um Wilhelm den Zweiten personalpolitische Entscheidungen abzupressen. Eine Ungeheuerlichkeit, die bis dahin kein preußisch-deutscher General gewagt hätte. Hindenburg wagt es, indem er im Sommer 1917, im Juli 1917, ultimativ vom Kaiser die Entlassung des Reichskanzlers verlangt. Er droht er oder ich. Wenn Bethmann Hollweg bleibt, gehe ich. Vor dieser Drohung knickt der Kaiser ein.“[6] Erpressung Hindenburgs schadet dem Kaiser Reichkanzler Bethmann Hollweg wurde infolge der Erpressung durch Paul von Hindenburg am 13. Juli 1917 entlassen. Hindenburgs Handeln hatte zwei dramatische Folgen: Erstens vereitelte er dadurch, dass der vor allem für Deutschland dringend nötige Verhandlungsfrieden zustande kam. Zweitens verhinderte er damit die überfälligen Reformen in Preußen. Mit alledem schadete Hindenburg dem Kaiser, dem er als Offizier die Treue geschworen hatte und Deutschland insgesamt: Der Kaiser musste im folgenden Jahr im Zuge von Kriegsniederlage und Novemberrevolution abdanken. Es verloren noch einmal viele hunderttausend deutsche Soldaten ihr Leben und die von Deutschland verlangten Waffenstillstandsbedingungen wurden viel schlechter. Quellen:
[1] abgedruckt in Herbert Michaelis und Ernst Schraepler, Hrsg., Ursachen und Folgen: vom deutschen Zusammenbruch 1918 und 1945 bis zur staatlichen Neuordnung Deutschlands in der Gegenwart; eine Urkunden- und Dokumentensammlung zur Zeitgeschichte. 29 Bde. Berlin: Dokumenten-Verlag, 1959-1979, Bd. 2, S. 431f [2] ebenda [3] Holger Afflerbach, Kaiser Wilhelm II. als Oberster Kriegsherr im Ersten Weltkrieg. Quellen aus der militärischen Umgebung des Kaisers 1914-1918, München 2005, S. 890 (= Deutsche Geschichtsquellen des 19. Und 20. Jahrhunderts, hrsg. v.d. Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 64) [4] ebenda, S. 891 [5] ebenda [6] Film-Interview mit Prof. Dr. Wolfram Pyta am 24. Juli 2025 in Berchtesgaden, in: „Hindenburg, Hitler und der Nationalsozialismus“
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Hindenburg erpresst den Kaiser, um einen Verständigungsfrieden zu verhindern und den uneingeschränkten U-Boot-Krieg durchzusetzen. Hindenburg und Ludendorff intrigieren schamlos gegen den Kanzler.(Foto links: Library of Congress) Nach dem Kanzlersturz setze Hindenburg den Weltkrieg erfolglos und mit vielen Opfern fort: Es verloren noch einmal mehrere hunderttausende deutsche Soldaten sinnlos ihr Leben. (Quelle: Library of Congress) Ein weiterer großer strategischer Fehler Hindenburgs: Er setzte den uneingeschränkten U-Boot-Krieg mit durch. Dadurch verschuldete er nicht nur viele unschuldige Opfer auch von neutralen Staaten, sondern provozierte auch den Kriegseintritt der USA. Letzerer trug dann 1918 erheblich zur militärischen Niederlage Deutschlands bei. (Quelle: Bundesarchiv, Bild 102-00159 / CC-BY-SA 3.0) Die von der OHL Hindenburg und Ludendorf 1918 durchgeführten Offensiven waren nicht nur mittelfristig erfolglos, sondern versachten hohe Verluste und scheiterten aufgrund von den strategischen Fehlern der OHL. (Quelle: Library of Congress) Das durch die sinnlosen Offensiven weiter geschwächte deutsche Heer erlitt auch durch die Erschöpfung bei der 100-Tage-Offensive der Alliierten ab Sommer 1918 erneut riesige Verluste: Hunderttausende Tote, Verwundete und Gefangene. (Quelle: Library of Congress) Hindenburg war auch nicht fähig oder willens die ungeheure materielle Überlegenheit der Alliierten zu begreifen und posaunte sogar am 2. September 1918 noch unsinnige Parolen über die deutsche Ungesiegbarkeit heraus. (Quelle: Library of Congress) Da Hindenburg Waffenstillstandverhandlungen verhinderte, gerieten alleine bei der Hunderttage-Offensive der Alliierten ab Sommer 1918 noch einmal mehr als 300.000 deutsche Soldaten in Kriegsgefangenschaft. |









