1918 Hindenburgs Agieren in den letzten Kriegswochen 

 

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In den letzten Monaten des ersten Weltkrieges wurde die Niederlage Deutschlands immer offensichtlicher. Der Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, Chef der Obersten Heeresleitung, verzögerte jedoch die Aufnahme der Waffenstillstandsverhandlungen und wollte seine Schuld an der misslichen Lage tunlichst verbergen. Dafür schreckte er nicht davor zurück, andere zu belügen oder fallen zu lassen: Erich Ludendorff, mit dem er zusammen die Oberste Heeresleitung bildete, die Reichsregierung unter Kanzler Max von Baden und auch den Kaiser selbst, den er zur Flucht ins Exil drängte, indem er falsche Tatsachen vortäuschte.

Spätestens nach der großen Offensive der alliierten Gegner am 8. August war klar, dass das Deutsche Reich den Krieg verloren hatte: Die Franzosen waren mit US-Unterstützung und Tanks zum Gegenangriff angetreten. An einem Tag waren allein 20 000 Deutsche in Gefangenschaft geraten. Erich von Ludendorff, der gemeinsam mit Paul von Hindenburg die Oberste Heeresleitung bildete, sprach vom „Schwarzen Tag von Amiens“.

Reichsregierung lange über Kriegslage getäuscht

Doch erst Ende September 1918 hatte die Oberste Heeresleitung, konkret Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff, der Reichregierung eingestanden, dass der Krieg für das Deutsche Reich verloren war. Man müsse um einen Waffenstillstand bitten. Die Regierung und auch Kanzler waren von diesen Aussagen derart überrascht, dass sie es zunächst nicht glauben wollten. Die notwendigen Waffenstillstandsverhandlungen überließ die Oberste Heeresleitung der Reichsregierung, statt sich selbst der Verantwortung zu stellen. 
Weite Kreise der Generalität sahen die Verantwortung für die missliche Lage Deutschlands jedoch bei der Obersten Heeresleitung, wie aus historischen Quellen hervorgeht. So hielt General Gallwitz nach der Sitzung des Kriegskabinetts am 28. Oktober 1918 fest: „Hindenburg-Ludendorff sind moralisch gerichtet.“ (1)

Verhandlungen durch ablehnende Haltung Hindenburgs verzögert

Die Vorverhandlungen zur Aufnahme der Waffenstillstandsverhandlungen zogen sich bis in den November hin. Hindenburg und Ludendorff lehnten die Forderungen der Kriegsgegner, federführend vom amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson formuliert, immer wieder ab. Der Reichskanzler Max von Baden trug jedoch diesen Kurs der Obersten Heeresleitung nicht mit.

Nach einem heftigen Wortgefecht, in dem der Kaiser Ludendorff Versagen vorwarf, entließ der Kaiser Ludendorff – formell auf eigenen Wunsch hin. Ludendorff ging davon aus, dass Paul von Hindenburg, der mit ihm zum Schloss Bellevue gefahren war, ebenfalls zurücktrat, weil ihm Hindenburg immer wieder Solidarität zugesichert hatte. 

Hindenburg lässt Ludendorff fallen

Nach seiner Entlassung wartete Ludendorff im Vorzimmer auf Hindenburg. Er nahm an, dass dieser ebenfalls um Entlassung bat. Als Hindenburg herauskam, ohne verabschiedet worden zu sein, verweigerte Ludendorff empört die gemeinsame Rückfahrt zum Generalstabsgebäude.

Kaiser Wilhelm II. hoffte noch, seine Kaiserkrone retten zu können. Er merkte aber, dass in Berlin der Gedanke, durch des Kaisers Abdankung für kommende Friedensverhandlungen vorteilhaftere Bedingungen zu erreichen, mehr und mehr Gewicht bekam. Auf Anraten Hindenburgs verlegte der Kaiser daher seinen Amtssitz von Berlin ins Hauptquartier nach Spa. Dort hoffte er, im Schutz der Streitkräfte notfalls den Thron mit deren Hilfe retten zu können.

Kaiser im Hauptquartier in Spa – schwierig für die Regierung

Paul von Hindenburg hatte inzwischen erkannt, dass seine Position hochgradig gefährdet war. Prof. Dr. Pyta schreibt dazu in seinem Standardwerk „Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler“: „Aus dieser mißlichen Lage wußte Hindenburg allerdings einen erfolgversprechenden Ausweg: Der Kaiser mußte ins Große Hauptquartier nach Spa gelockt werden. Die Entfernung des Kaisers aus dem politischen Zentrum würde das Zusammenspiel von Kaiser und neuer Regierung, das zu einer immer größeren Bedrohung für Hindenburgs Position wurde, erschweren.“ (2)

In Spa befand sich der Kaiser unmittelbar in Hindenburgs Einflussbereich, was Hindenburg von Vorteil war. Denn dadurch konnte er seine Position wahren und von seiner Verantwortung für die katastrophale Niederlage ablenken. Dem Kaiser sicherte er Loyalität zu: Als die Abdankungsforderungen an Kaiser Wilhelm II. immer drängender wurden, behauptete Hindenburg am 9. November 1918 noch: „Ich lebe und sterbe mit meinem König.“ (3)

Verantwortung für widrige Bedingungen auf Regierung abgewälzt

Aufgrund der zu erwartenden schwierigen Bedingungen, die aus dem Waffenstillstand drohten, hatten Hindenburg und der Kaiser ein letztes Mal gemeinsame Interessen: Denn die Waffenstillstandsverhandlungen wurde unter der Leitung von Reichregierung, vertreten durch den Reichskanzler Max von Baden, und nicht unter Hindenburg als Chef der verantwortlichen Obersten Heeresleitung, geführt.

Hindenburg trat das gerne ab, „weil er dadurch einen Ansehensverlust von der Armee und nicht zuletzt von sich selbst abzuwenden hoffte. Schließlich stand zu erwarten, dass die harten Waffenstillstandsbedingungen der … Reichsregierung angelastet würden und nicht der für die militärische Niederlage verantwortlichen Obersten Heeresleitung.“ (4) Der Kaiser formulierte es sogar aus: „Denn damit falle die Verantwortung für den Waffenstillstand allein dem ‚verfluchten Max‘ (5) und seiner Regierung zu. Daraus könne eine große Erbitterung im Volke und in der Armee erwachsen, die ‚mit dem Schuft von Max die ganze Chose wegfegt.‘“ (6)

In diesen Wochen nahm die Novemberrevolution in Deutschland zunehmend Fahrt auf und die Reichsregierung in Berlin drängte immer mehr dazu, dass der Kaiser abdankte. Der Kaiser – formell noch immer oberster Kriegsherr – wollte seine Macht und die Monarchie aufrechterhalten und sah seine letzte Chance darin, an der Spitze des Heeres nach Berlin zu marschieren, um seine Krone zu verteidigen.

Hindenburg fädelt Flucht des Kaisers ein

Allerdings organisierte Paul von Hindenburg eine Absprache unter den Truppenkommandeuren, dass diese diesen Einsatz des Heeres für einen Marsch nach Berlin verneinten. Dass die Kommandeure das Ansinnen des Kaisers abgelehnt hatten, übermittelten Hindenburg und General Groener an die Reichsregierung, noch bevor sie es dem Kaiser mitteilten. Danach überließ es Hindenburg dann Groener, dem Kaiser die schlechte Nachricht zu überbringen. Pyta bilanziert: Hindenburg „legte sein ganzes Verhalten darauf an, sein Bild in der Geschichte von dem Makel freizuhalten, daß ausgerechnet er … den Ausschlag für die Abdankung des Kaisers gab.“ (7)

Am 9. November 1918 verkündete der Reichskanzler Max von Baden die Abdankung von Kaiser Wilhelm II. Hindenburg fädelte dann ein, dass der Kaiser in die Niederlande abreiste, was diesem später als Flucht ausgelegt wurde.

Kaiser vor vollendete Tatsachen gestellt

Es begann damit, dass Hindenburg hinsichtlich der Abreise des Kaisers in die Niederlande die Initiative ergriff. Am Nachmittag des 9. November 1918 thematisierte er als erster die Frage eines Exils des Kaisers an und schlug die Niederlande vor. Pyta analysiert: „Er ging sogar noch einen Schritt weiter: Ohne den Hauptbetroffenen, also den Kaiser, konsultiert zu haben, bedeutete er Hintze in dessen Eigenschaft als Vertreter des Auswärtigen Amtes im Großen Hauptquartier, die notwendigen diplomatischen Vorkehrungen für eine Übersiedlung des Kaisers zu treffen.“ (8)

Noch am gleichen Nachmittag wurde Wilhelm II. vor vollendete Tatsachen gestellt und „seine Abreise ins niederländische Exil für unabwendbar“ (9) erklärt. Um den Druck auf den Kaiser zu erhöhen, behauptete Hindenburg gar, „dass dessen persönliche Sicherheit angesichts der Auflösung des Heeres nicht mehr gewährleistet sei, wenn er bei der Armee bleibe.“ (10) Als der Kaiser damit immer noch nicht zur Flucht überredet war, legte Hindenburg nach: Dazu instrumentalisierte er ausgerechnet den Adjutanten des Kaisers, General Plessen, und behauptete wider besseres Wissen, dass die 2. Gardedivision den Kaiser nicht mehr schützen könne und wolle. Diese Darstellung war, wie Wilhelm II. später erfuhr, zutiefst unwahr. Hindenburg wurde dafür von Wilhelm II. ungnädig zur Rede gestellt und überführt. (11)

Ruf der Monarchie und der Hohenzollern ruiniert

Pyta subsummiert: „Hindenburg war die treibende Kraft bei einem Schritt, der wie kein zweiter das Ansehen der Hohenzollernmonarchie ruinierte und zumindest den letzten Träger der preußischen Krone so diskreditierte, daß Wilhelm II. selbst bei vielen Ultramonarchisten Persona non grata wurde.“ (12) Denn, dass der Kaiser nach dem, was er gegenüber Deutschland zumindest aufgrund seiner Position zu verantworten hatte, einfach davonlief, anstelle sich – wie es dem preußischen Monarchen angemessen gewesen wäre – auf dem Schlachtfeld zu stellen, wurde ihm als Desertion und Fahnenflucht ausgelegt.

Und wieder profitierte Hindenburg aus dieser Illoyalität: Mit der Abdankung hatte der Kaiser auch den formalen Oberbefehl über das deutsche Heer an Hindenburg übergeben. Damit war Hindenburg auch formal „keiner monarchischen Autorität mehr untertan und für einige Zeit alleiniger Befehlshaber des Heeres, weil auch die neue revolutionäre Regierung anfänglich den Chef des Generalstabs des Feldheeres gewähren ließ.“ (13)

Kaiser verzieht Hindenburg dessen Lügen nie

Am frühen Morgen des 10. November 1918 flüchtete der Kaiser ins Exil. Aber das war aus Hindenburgs Sicht immer noch nicht genug. Er entledigte sich auch des Kronprinzen: Er entzog diesem das Kommando über seine Heeresgruppe und nötigte auch diesen, seinem Vater auf der Flucht ins niederländische Exil zu folgen.

Der abgedankte Kaiser Wilhelm verzieh Hindenburg diesen Schachzug nie.

Hindenburg stand nicht zu seiner zu Beginn zitierten Behauptung: „Ich lebe und sterbe mit meinem König.“ (14) 

Stattdessen „servierte“ er sogar sein Staatsoberhaupt ab, was den schwersten Bruch seines Offizierseides darstellte!

Quellen:

(1) Zitiert nach Wolfram Pyta: Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler, München 2007, S. 356

(2) ebenda

(3) Christian von Penz (Adjutant und Schwiegersohn Hindenburgs) in seinem Tagebucheintrag vom 9. November 1918 (Nachlass Hindenburg, Ordner Nr. 3) zitiert nach Walther Hubatsch, Hindenburg und der Staat, Göttingen 1966, S.35

(4) Pyta: Hindenburg, S. 363

(5) Prinz und Markgraf von Baden, Herzog von Zähringen, 1918 zu diesem Zeitpunkt Reichskanzler

(6) Kaiser Wilhelm II. an Kaiserin Auguste Viktoria an 7. November 1918 zitiert nach Pyta: Hindenburg, S. 363

(7) Ebenda, S. 365

(8) Ebenda, S. 371

(9) Ebenda

(10) Ebenda S. 372

(11) Abschrift des Schreibens Hindenburgs an den Kaiser mit den Randbemerkungen Wilhelm II. in: BA-MA Freiburg, Nachlaß Levetzow, Nr. 39, Bl. 7-11

(12) Pyta: Hindenburg, S. 372

(13) Ebenda, S. 373f

(14) Christian von Penz (Adjutant und Schwiegersohn Hindenburgs) in seinem Tagebucheintrag vom 9. November 1918 (Nachlaß Hindenburg, Ordner Nr. 3) zitiert nach Walther Hubatsch, Hindenburg und der Staat, Göttingen 1966

 

Noch haben Kaiser Wilhelm II., Hindenburg und Ludendorff gemeinsame Interessen. Im Herbst 1918 änderte sich dies endgültig. (Quelle: Library of Congress)


Hindenburg und Ludendorff übernahmen nicht die Verantwortung für die Kriegsniederlage (Quelle: Library of Congress https://lccn.loc.gov/2014700402)

 

Stattdessen schob Hindenburg dies der Reichsregierung zu. Matthias Erzberger wurde später von rechten Freikorps für seine damalige Rolle ermordet (Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-1989-072-16 / Kerbs, Diethart / CC BY-SA 3.0 DE)

Kaiser Wilhelm II. dankte unter Druck ab und floh, nachdem ihm Hindenburg hinsichtlich der Sicherheitslage angelogen hatte, in die Niederlande Quelle: (Library of Congress https://lccn.loc.gov/2016869659)

 

Abdankungserklärung von Kaiser Wilhelm II.

Die unter dem Druck demokratischer Kräfte erzwungene Abdankung des Kaisers war zentrales Thema in der Presse

 

Die Flucht von Kaiser Wilhelm II. erzeugte auch unter Monarchisten Empörung und wurde vielerorts als Desertion/Fahnenflucht bewertet

Mit der Flucht ins Exil zog Kaiser Wilhelm II. auch internationalen Spott und Hoch auf sich: