Schicksalsjahr 1925: Der Antidemokrat Hindenburg wird Reichspräsident 

 

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Paul von Hindenburg trat erst im zweiten Wahlgang der Reichspräsidentenwahl 1925 an. Er war der Kandidat des „Reichsblocks“, in dem sich die antidemokratischen Parteien zusammengetan hatten. Hindenburg wollte aber nichts von dem „Parteiengezänk“ wissen, sondern wollte für die „nationale Einheit“ des Volkes arbeiten. Er hatte aus seinen antidemokratischen Einstellungen kein Hehl gemacht, war erklärter Monarchist, der letztlich dann Hitler den Weg bereitete.   

Der erste Reichspräsident der Weimarer Republik, Friedrich Ebert (SPD), war nach kurzer Krankheit am 28. Februar 2025 überraschend gestorben. Er war 1920 noch durch die Nationalversammlung gewählt worden, die seine Amtszeit 1922 bis zum 30.06.1925 verlängert hatte.

Danach – so sah es die Weimarer Verfassung vor – sollte der Reichspräsident erstmals durch das Volk gewählt werden. Ein sinnvolles Vorgehen, denn die Anfangsjahre der Republik waren belastet durch antidemokratische und antirepublikanische Unruhen: der so genannte Kapp-Putsch, der Putschversuch Hitlers und Ludendorffs beim Marsch auf die Feldherrnhalle in München und die Umtriebe der Freikorps. Dazu kamen Wirtschaftskrise, Inflation, die Besetzung des Ruhrgebiets durch Frankreich. Die Reichsregierung hatte ihren Sitz von Berlin nach Weimar verlegt.

Im ersten Wahlgang: Keine Entscheidung aufgrund vieler Kandidaten

Beim ersten Reichspräsidenten-Wahlgang am 29. März 1925 traten über ein halbes Dutzend Kandidaten an, unter anderem:

  • Die NSDAP nominierte Ernst Ludendorff, welcher mit Hindenburg im Ersten Weltkrieg zuletzt die Oberste Heeresleitung gebildet hatte und trotz seiner Rolle im Hitler-Ludendorff-Putsch freigesprochen worden war.
  • Ein sogenannter „Reichsblock“ mit antidemokratischen Kräften, der Rechtsaußenpartei DNVP und der konservativen DVP, unterstützte Karl Jarres. Dabei spielte ein umtriebiger Antidemokrat Friedrich Wilhelm von Loebell eine maßgebliche Rolle. Er war eine zentrale Figur in den Bemühungen, die Weimarer Republik zu zerstören.
  • Die katholische Deutsche Zentrumspartei nominierte ihren Parteivorsitzenden Wilhelm Marx.
  • Die Bayerische Volkspartei (BVP), Schwesterpartei des Zentrums, nominierte mit dem Bayerischen Ministerpräsidenten Heinrich Held ebenfalls einen eigenen Kandidaten.
  • Die liberale DDP nominierte den badischen Staatspräsidenten Willy Hellpach.
  • Die SPD nominierte den ehemaligen preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun.
  • Die KPD nominierte Ernst Thälmann.

Wie zu erwarten war, erreichte im ersten Wahlgang keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit: Jarres, der Kandidat des „Reichsblocks“ erreichte mit 38,8% der Stimmen das beste Ergebnis, vor Braun (29,0%), Marx (14,5%), Thälmann (7,0%), Hellpach (5,8%), Held (3,7%) und anderen. Ludendorff, der Kandidat der NSDAP, hatte lediglich 1,1 % der Stimmen erhalten. (1) 

Die demokratischen Kräfte verpassten die erste Chance, die Demokratie zu erhalten

Von nahezu allen unbemerkt, hatten die demokratischen Kräfte die erste Chance, die Demokratie zu erhalten, verpasst: Die Kandidaten von BVP, Zentrum, DDP und SPD erhielten zusammen über 14,2 Millionen Stimmen und damit die absolute Mehrheit. Mit einem gemeinsamen Kandidaten hätte ein zweiter Wahlgang mit hoher Wahrscheinlichkeit vermieden werden können und ein Demokrat wäre Reichpräsident geworden!

Mit dem nun erforderlichen zweiten Wahlgang nahm die Tragödie in mehrfacher Hinsicht ihren Lauf.

Kandidatenfindung für den zweiten Wahlgang

Endlich verstand ein Teil der demokratischen Kräfte die Notwendigkeit des gemeinsamen Vorgehens. Zentrum, DDP und SPD und nominierten als sogenannter „Volksblock“ den konservativen Politiker Wilhelm Marx.

Der „Reichsblock“ suchte nach einem neuen Kandidaten. Wiederum übernahm der Antidemokrat Friedrich Wilhelm von Loebell eine zentrale Rolle. Dieser hatte bereits bei der ersten Reichpräsidentenwahl 1919 die Chance gesehen, die Demokratie mittels der außerordentlichen Macht des Reichspräsidentenamtes zu zerstören, und hatte bereits damals – allerdings erfolglos – versucht, Paul von Hindenburg als Kandidat zu gewinnen. Jetzt erkannte Loebell wiederum seine Chance und bemühte sich erneut um eine Kandidatur Hindenburgs. (2)

Dessen Hin und Her nahm zeitweise paradoxe Züge an. Er wollte am liebsten von allen nationalen Kräften gebeten werden. Erst als am 7. April 1925 eine Delegation mit dem ehemaligen Großadmiral von Tirpitz an der Spitze ihn zu überzeugen versuchte, stimmte er zu. Das Wort eines ehemaligen Kameraden, der mit ihm im Dienstgrad auf Augenhöhe war, hatte Gewicht. In seiner „Osterbotschaft“ von 11. April machte er deutlich, dass er sich für dieses Amt bewerben will, um kraft Amtes für die „nationale Einheit“ des Volkes zu arbeiten.

Hindenburg war bekennender Antidemokrat

Hindenburgs antidemokratische Haltung war bekannt, durch Schriften und die Verbreitung der Dolchstoßlüge (3) im parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Bereits am 25. Mai 1920 hatte Hindenburg seine vernichtende Meinung über Demokratie in Deutschland schriftlich zum Ausdruck gebracht: 
...Nur bin ich ein zu eingefleischter Monarchist, um dieser Staatsform nicht unter allen Bedingungen den Vorzug auch vor der besten Republik zu geben, die stets mehr Mängel aufweisen wird als jene. Schon weil ihr der feste Punkt fehlt, den der Thron nun einmal bildet. Den Deutschen und vor allem den Preußen steht die Jakobinermütze, welcher immer Narrenschellen anhängen, nicht!“ (4)  Nicht nur dass er sich damals selbst als „eingefleischter Monarchist“ und damit als Gegner der Demokratie zu erkennen gab – er verunglimpfte mit dem Zusatz „Den Deutschen … steht die Jakobinermütze ... nicht!“ alle Demokraten und wollte diese mit dem Nachsatz „welcher immer Narrenschellen anhängen“ geradezu lächerlich machen.

Im zweiten Wahlgang entscheidend: Das Verhalten der anderen Parteien

Welcher der beiden Kandidaten die erforderliche Mehrheit erhalten würde, hing jedoch nicht nur von den Parteien ab, welche in erster Linie hinter den beiden Bündnissen „Reichsblock“ und „Volksblock“ standen. Entscheidend war vor allem das Verhalten der anderen Parteien: Gegen die Stimmanteile des „Reichsblocks“ im ersten Wahlgang in Höhe von 38,8% stand 49,3% des „Volksblocks“. Somit waren die über 10% der weiteren Stimmenanteile entscheidend.

Bereits bezeichnend war, dass die NSDAP ihren Kandidaten Ludendorff nicht mehr „ins Rennen schickte“, sondern zur Wahl von Hindenburg aufrief. Wenn schon kein eigener Kandidat Reispräsident werden kann, dann wenigstens ein nationalistischer Antidemokrat! Mit dem Aufruf der NSDAP gewann Hindenburg aber nur einen kleinen Stimmanteil von etwas über 1% hinzu. Der „Reichsblock“ war damit rechnerisch noch weit weg von einer Mehrheit!

Die KPD erkannte die Dramatik der Situation nicht und hielt unsinnigerweise an Ernst Thälmann fest, obwohl klar war, dass Thälmann keine Chance auf eine Mehrheit hatte. Mit diesem katastrophalen Fehler entzog die KPD den antifaschistischen Kräften ein Potential von ca. 7 Prozent, was letztendlich Hindenburg zugutekam.

Blieb von den relevanten Parteien noch die Bayerische Volkspartei (BPV): Statt mit den anderen demokratischen Kräften den ebenfalls konservativen und katholischen Kandidaten Wilhelm Marx zu unterstützen, rief diese zur Wahl von Hindenburg auf! (5) Damit gewann der „Reichsblock“ dieses große Wählerpotenzial hinzu.

Die Grundlagen für die Katastrophe sind geschaffen

Beim zweiten Wahlgang erreichte Paul von Hindenburg 14,666 Mio., Wilhelm Marx knapp 13,752 Mio. und Ernst Thälmann 1,931 Mio. Stimmen. Somit war der Antidemokrat Hindenburg mit 48,3% vor dem demokratischen Kandidaten Marx mit 45,3% der Stimmen gewählt. (6) Nur etwas mehr als 900.000 Stimmen entschieden die Wahl. (7)

Zwei Parteien, nämlich die KPD und die Bayerische Volkspartei (BVP), verschuldeten mit ihren Kandidaten bzw. Wahlempfehlungen, dass der Antidemokrat Hindenburg in das höchste und mächtigste Amt der Weimarer Republik (Artikel. 48 der Weimarer Verfassung und Oberbefehlshaber der Reichswehr) berufen wurde und damit die Grundlagen für die Katastrophe geschaffen wurden. Wie aus den Detail-Ergebnissen der Wahl erkennbar ist, war die Wahldisziplin der Parteianhänger groß.

  • Thälmann, der Kandidat der KPD, gewann gegenüber dem ersten Wahlgang einige zehntausend Stimmen hinzu und erhielt 1,931 Mio. Stimmen. Der KPD-Kandidat war zwar von vornherein chancenlos, die Stimmen der KPD fehlten jedoch, um die Wahl des nationalistischen Antidemokraten zu verhindern. Bereits die Hälfte dieser Stimmen hätte gereicht, dass Hindenburg nicht gewonnen hätte!
  • Noch bitterer: Durch den Wahlaufruf der konservativen und katholischen BVP gegen den Kandidaten der ebenfalls konservativen und katholischen Zentrumspartei erhielt Hindenburg – wie die Wahlanalyse zeigt – über eine Million Stimmen mehr. Wenn diese dem demokratischen Kandidaten zugutegekommen wären, hätte Wilhelm Marx mit über 48,63% der Stimmen deutlich über Hindenburg mit dann nur noch 44,97% der Stimmen gesiegt!

Die nationalistischen antidemokratischen Kräfte brachten durch die Uneinigkeit der antifaschistischen Kräfte „ihren“ Mann in das wichtigste und mächtigste Amt der Weimarer Republik und schufen somit die Grundlage dafür, dass durch und mit diesem Präsidenten wenige Jahre später Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zerstört werden konnten.

Sein Ziel, das sogenannte „Parteiengezänk“ zu überwinden und die „innere Einheit des Volkes wieder herzustellen“, hatte Paul von Hindenburg nach seinem Verständnis dann 1933/1934 erreicht, als er nach der Ernennung „seines“ Reichskanzlers Adolf Hitler, diesem auch vertrauensvoll seine präsidialen Vollmachten übertrug. Die von ihm ersehnte „Überwindung der inneren Zerrissenheit des Volkes“ und die „Verwirklichung der nationalen Einheit“ konnten so einer mörderischen und geradezu perversen Lösung zugeführt werden.

Quellen:

(1) Bundeszentrale für politische Bildung, Ernst Piper: Gefährdete Stabilität 1924-1929, https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/weimarer-republik-346/332895/gefaehrdete-stabilitaet-1924-1929/, darin: https://www.bpb.de/cache/images/1/777371_galerie_lightbox_box_1000x666.jpg

(2) Siehe Wolfgang Niess, Schicksalsjahr 1925. Als Hindenburg Präsident wurde, München 2025

(3)  Bericht über die öffentlichen Verhandlungen des Untersuchungsausschusses der Verfassungsgebenden Nationalversammlung vom 18. November 1919 mit der Vernehmung des Paul von Hindenburg, Ludendorff, von Bethmann Hollweg und von Bernstorff

(4)  abgedruckt in Herbert Michaelis und Ernst Schraepler, Hrsg., Ursachen und Folgen: vom deutschen Zusammenbruch 1918 und 1945 bis zur staatlichen Neuordnung Deutschlands in der Gegenwart; eine Urkunden- und Dokumentensammlung zur Zeitgeschichte. 29 Bde. Berlin: Dokumenten-Verlag, 1959-1979, Bd. 3, S. 541, zitiert nach: Reginald H. Pheips, Groener-Dokumenten, Deutsche Rundschau, Bd. 76 (1950), S. 540

(5) siehe Wahlplakat (auch Abbildung) https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/50/BVP_wants_Hindenburg_for_president_1925.jpg

(6)  Bundeszentrale für politische Bildung, Ernst Piper: Gefährdete Stabilität 1924-1929, https://www.bpb.de/cache/images/1/777371_galerie_lightbox_box_1000x666.jpg

(7)  Vgl. Ergebnis des zweiten Wahlgangs ( https://www.wahlen-in-deutschland.de/wRPW1925WG2.htm ) und Ergebnis des ersten Wahlgangs ( https://www.wahlen-in-deutschland.de/wRPW1925WG1.htm )

 

 

 

V.l.n.r.: Friedrich Ebert (Quelle: Bundesarchiv, Bild 102-00015 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0), Erich Ludendorff/Adolf Hitler (Quelle: Bundesarchiv, Bild 102-00344A / Heinrich Hoffmann / CC-BY-SA 3.0), Wilhelm Marx (Quelle: Library of Congress https://loc.gov/pictures/resource/ggbain.36651/), Otto Braun (Quelle: Bundesarchiv, Bild 102-10131 / CC-BY-SA 3.0), Ernst Thälmann (Quelle: Bundesarchiv, Bild 102-12940 / CC-BY-SA)


Ergebnisse der Wahl zum Reichspräsidenten 1925, 1. Wahlgang


Plakat 1925 der BVP mit Wahlaufruf für Hindenburg

  

Plakat 1925 der KPD mit Wahlaufruf für Thälmann


Ergebnisse der Wahl zum Reichspräsidenten 1925, 2. Wahlgang


Mehr und mehr sammelten sich die nationalistischen antidemokratischen Kräfte hinter Hindenburg bis hin zu dessen Machtübergabe an Hitler und die NSDAP (Foto 1934), Quelle: Bundesarchiv, Bild 102-00783 / CC-BY-SA 3.0