|
Ostpreußische Großgrundbesitzer spenden 1927 Geld, damit das ostpreußische Gut Neudeck im Besitz der Familie Hindenburg bleiben kann. Nur kurz darauf plädiert der Reichspräsident Paul von Hindenburg, dass die Regierung des Reiches eine Hilfsaktion für die Landwirtschaft Ostpreußens startet. Ein groß angelegtes Subventionspaket schüttet bereits 1928 und in den Folgejahren hohe Summen an landwirtschaftliche Güter in Ostpreußen aus. Doch wird ein Teil der Gelder missbraucht, was 1932 zu einem Untersuchungsausschuss im Reichstag führte, der auch für Hindenburgs Ruf bedrohlich wurde. Drohungen der Nazis, Einzelheiten über die Verstrickung des Reichspräsidenten zu veröffentlichen, förderten Hindenburgs Bereitschaft, Hitler zum Reichskanzler zu ernennen.
Deutschland verlor nach dem Ersten Weltkrieg weite Gebiete Preußens. So war es im Rahmen des Versailler Friedensvertrags festgelegt, um die Kriegsgegner für die deutsche Kriegsschuld zu entschädigen. Dadurch war Ostpreußen räumlich vom Reichsgebiet durch einen polnischen Korridor getrennt und die wirtschaftliche Lage der ostpreußischen landwirtschaftlichen Betriebe wurde schlechter.
Große Spendenaktion rettet das Gut Neudeck für die Familie Hindenburg
1927 war Gut Neudeck, der ostpreußische Besitz der Familie von Hindenburg, derart überschuldet, dass es zum Verkauf stand. Daraufhin startete ein Nachbar, der Großgrundbesitzer, Lobbyist und Politiker Elard von Oldenburg-Januschau (Reichstagsabgeordneter der Rechtsaußenpartei DNVP), eine Sammlung zugunsten der Hindenburg-Familie. Dank großzügiger Spenden von ostpreußischen Großgrundbesitzern und Industriellen erhielt Paul von Hindenburg das Gut als Schenkung zu seinem 80. Geburtstag am 2. Oktober 1927.
Um Schenkungs- und Erbschaftssteuern zu vermeiden, ließ Paul von Hindenburg das Gut auf den Namen seines Sohnes Oskar in das Grundbuch eingetragen. Dies war juristisch zulässig, galt aber damals im öffentlichen Ansehen als moralisch verwerflich und wurde später angeprangert. Hätte sich eine große öffentliche Diskussion darüber entsponnen, hätte dies dem Image des scheinbar so integren Feldherrn und Reichspräsidenten, der sich stets als ehrlicher, korrekter und uneigennütziger Diener Deutschlands darstellte, geschadet.
Hindenburg drängt zu Subventionen für die ostpreußische Landwirtschaft
Am 3. Dezember 1927, zwei Monate nach der Schenkung, schrieb Reichpräsident Paul von Hindenburg an den damaligen Reichskanzler Dr. Marx (Zentrum): „Die Einblicke in die derzeitigen Zustände Ostpreußens, … machen mich um das Schicksal Ostpreußens außerordentlich besorgt … Die gesamte Landwirtschaft Ostpreußens … ist durch die Ungunst der letzten Jahre in eine Schuldenlast geraten, aus der sie sich selbst nicht mehr lösen kann … Für die Hilfsaktion, die nun begonnen werden muß, ist die Voraussetzung, dass die Reichsregierung durch einen einstimmigen Beschluß anerkennt, daß Ostpreußen in einer wirtschaftlich und politisch ganz besonders gefährdeten Lage sich befindet … Die Hilfe muß zunächst bei der Landwirtschaft einsetzen, die so verschuldet ist, daß sie ohne Hilfe nicht gesunden kann und die finanziell saniert werden muß.“ (1)
Die Subventionen für die ostpreußische Landwirtschaft wurden bald darauf beschlossen: Bereits am 7. Februar 1928 wurde durch das amtliche Kommuniqué über die Hilfsmaßnahmen in Ostpreußen „Vollzug gemeldet“: „Mit Rücksicht auf die durch die Friedensverträge geschaffene einzigartige wirtschaftliche Notlage Ostpreußens war in der unter dem Vorsitz des Herrn Reichspräsidenten Ende Dezember vorigen Jahres abgehaltenen gemeinsamen Sitzung … die Notwendigkeit von Hilfsmaßnahmen für diese Provinz grundsätzlich anerkannt worden.“ (2)
Es wurden alleine für das Jahr 1928 75 Mio. Reichsmark (dies entspricht mehreren hundert Mio. EUR) für die Unterstützung der ostpreußischen landwirtschaftlichen Güter bewilligt!
Osthilfe-Skandal: Missbrauch der Gelder und Korruptionsvorwürfe
Ende 1932 kamen verstärkt Vorwürfe ans Tageslicht, dass die Gelder der Ostpreußenhilfe teilweise für Luxusgüter und Reisen ausgegeben wurden, anstatt damit – wie vorgesehen – die Schulden der landwirtschaftlichen Güter zu tilgen. Zeitungsartikel machten auf Unregelmäßigkeiten bei der Sammlung für das Hindenburg’sche Gut Neudeck aufmerksam und wiesen auf die nicht gezahlten Steuern hin, es war sogar von einer Affäre „Steuersache Neudeck“ die Rede. Zudem tauchten Vorwürfe auf, dass Hindenburg „durch bestimmte Kreise“ beeinflussbar sei. Darüber hinaus ließ der Osthilfekommissar einigen Verwandten Hindenburgs recht großzügige Unterstützung zukommen.
„Reichstag brandmarkt Osthilfe-Gewinnler“
Vermehrte Missbrauchs- und Korruptionsenthüllungen führten schließlich 1932 zu einem Untersuchungsausschuss. Zuerst geriet der Lobbyist von Oldenburg-Januschau, schließlich auch Paul von Hindenburg in den Fokus. Im Haushaltsausschuss des Reichstags geriet von Januschau massiv in Bedrängnis: „Im weiteren Verlauf wandte sich Abg. Heines … gegen die Korruption, die bereits in die Osthilfe eingerissen sei. Der Redner führte verschiedene besonders krasse Einzelfälle an und nennt in diesem Zusammenhang die Namen … Hermine v. Hohenzollern und Oldenburg-Januschau.“ (3)
Die Berliner Morgenpost titelt am folgenden Tag, dem 20. Januar 1933: „Zum Zahlen gut genug! Der Anschlag der Großagrarier gegen das Volk – Reichstag brandmarkt ‚Osthilfe-Gewinnler‘“ und zitiert den Zentrumsabgeordneten Ersing mit: „Wenn die Kreise des Reichslandbundes, die vom ganzen deutschen Volke immer wieder gewaltige Summen bekommen haben …, wenn Herr von Oldenburg-Januschau sagt, die politischen Rechte des Volks müßten zerschlagen werden, dann muß auch der Reichstag sich mit diesen Dingen befassen.“ (4)
Paul von Hindenburg steht unter öffentlichem Druck
Auch die NSDAP erhöhte den Druck: Die Nazi-Zeitung „Hakenkreuzbanner“ ging am 21. Januar 1933 Oskar von Hindenburg direkt an: „Ob hier Erwägungen über die dem Besitzer von Neudeck (bekanntlich der Sohn des Reichspräsidenten) immer noch fehlenden 450000 Mark eine Rolle gespielt haben, vermögen wir nicht zu entscheiden.“ (5) Bei den 450000 Mark ging es wohl um Gelder, die noch beantragt waren, um Gut Neudeck nach einem Brand zu renovieren. (Interessanterweise erfolgte die Renovierung nach der Machtübernahme durch die Nazis tatsächlich auf Staatskosten.)
Am 22. Januar 1933, also bereits am folgenden Tag, trafen sich Hitler und Hindenburgs Sohn Oskar zu einem längeren Vier-Augen-Gespräch im Hause des späteren Reichsaußenministers von Ribbentrop, bei dem u.a. Hitler gedroht haben soll, weitere Einzelheiten über die Verstrickungen des Reichspräsidenten zu veröffentlichen. Es liegt nahe, dass dies alles Hindenburgs Bereitschaft zur Ernennung Hitlers zum Reichskanzler zumindest gefördert hat.
Hitlers Regierung beendet Untersuchungen und befreit Hindenburg von Steuerpflichten
Die von Hitler geführte Regierung setzte am 23. März 1933 die Einstellung des Osthilfe-Untersuchungsausschusses durch – trotz der nachgewiesenen Korruptions- und Missbrauchsfälle. Sie formulierte das Fazit, dass es keinerlei Unregelmäßigkeiten gegeben habe, und rettete damit Hindenburgs Ansehen.
Am 27. August 1933 erließ die Nazi-Regierung das Gesetz über die Befreiung von Reichs- und Landessteuern für das Rittergut Neudeck des Reichspräsidenten von Hindenburg: „Reichspräsident von Hindenburg und seine Abkömmlinge werden für das Rittergut Neudeck von der Zahlung der Steuern des Reichs und des Landes Preußen für die Zeit befreit, in der sich das Rittergut im Eigentum des Reichspräsidenten oder eines seiner Abkömmlinge im Mannesstamm befindet.“ (6) Das Reich übernahm außerdem die Kosten für die Sanierung von Gut Neudeck.
Oskar von Hindenburg dankte es Hitler, als er im Folgejahr nach dem Tod seines Vaters und einer dann folgenden Volksabstimmung über die Zusammenlegung der Ämter des Reichskanzlers und des Reichspräsidenten in der Person des „Führers“ Adolf Hitler in einer sehr emotionalen Rundfunkansprache um Ja-Stimmen bat. Der Entscheid wurde mit 84 Prozent der Stimmen angenommen.
Quellen:
(1) Schreiben des Reichspräsidenten von Hindenburg an Reichskanzler Dr. Marx über eine Hilfsaktion für Ostpreußen, in: Herbert Michaelis und Ernst Schraepler, Hrsg., Ursachen und Folgen: vom deutschen Zusammenbruch 1918 und 1945 bis zur staatlichen Neuordnung Deutschlands in der Gegenwart; eine Urkunden- und Dokumentensammlung zur Zeitgeschichte. 29 Bde. Berlin: Dokumenten-Verlag, 1959-1979, Bd. 8, Seite 479ff
(2) Deutsche Allgemeine Zeitung, Abendausgabe vom 07.02.1928, S. 1
(3) „Scharfe Kritik an der Osthilfe“, in: Neue Mannheimer Zeitung vom 19. Januar 1933, Seite 1
(4) „Zum Zahlen gut genug!“, in: Berliner Morgenpost vom 20. Januar 1933, Seite 1
(5) „Tageskampf“, in: Hakenkreuzbanner vom 21. Januar 1933, Seite 2
(6) „Gesetz über die Befreiung des Reichspräsidenten von Hindenburg von Reichs- und Landessteuern für das Rittergut Neudeck“ in: Reichsgesetzblatt Nr. 95 vom 27.08.1933
|